Politik als Akt der Nächstenliebe

Am 25. Januar fand die achte Veranstaltung in unserer Reihe „Berg am Laimer Jahr für Demokratie“ statt: ein ökumenischer Demokratie-Gottestdienst, wunderbar geleitet von den Pfarrern Felix Breitling (evangelische Offenbarungskirche) und Brian McNeil (katholische Pfarrkirche St. Michael). Wir freuen uns sehr, dass wir nun auch hier die schönen Gedanken teilen dürfen, die sich Pfarrer Breitling zum Gottesdienst gemacht hat – über das Verhältnis von Kirche und Demokratie. Es ist die Lektüre wert!

 

„Liebe Gemeinde,

ehrlich gesagt, die Kirchen sind in ihrer Geschichte nicht die großen Vorreiter der Demokratie gewesen. Eher schon für die Monarchie: So wie Gott Einer ist, so kann auch nur Einer herrschen: der Landesherr im Staat, der Vater in der Familie. Und der Landesherr weiß am besten und genau, was auch für seine Untertanen am besten ist. Paternalistische Strukturen werden verklärt – das ist gerade das Gegenteil von Mitgestaltung und Teilhabe.[1] „Politische Ordnungen, die auf dem Zusammenschluss oder dem Votum der Bürger beruhen wie die Demokratie, mussten in dieser Perspektive als unvereinbar mit dem Willen Gottes gedeutet werden.“[2]

Warum ist die Demokratie Christinnen und Christen ein Anliegen? Das ist ja der Untertitel unseres Gottesdienstes. Wir freuen uns sehr über die Initiative in Berg am Laim, weil sie zum kritischen Nachdenken anregt: Ist uns die Demokratie überhaupt ein Anliegen? Und dann: Weshalb?

Ja, sie ist uns ein Anliegen. Weil die Demokratie aus unserer Erfahrung heraus die Staatsform ist, in der die Menschenwürde am besten gewahrt wird. Nur eine demokratische Verfassung kann heute der Menschenwürde entsprechen. Jedem Menschen kommt die gleiche Würde zu. Sie ist nicht von seiner Leistung abhängig, diese Würde gilt unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Einschränkungen, Religionszugehörigkeit, Pass, sexueller Orientierung, Lebensgestaltung. Die Würde eines jeden Menschen ist zu achten, egal woher er oder sie kommt, was sie oder er glaubt.

Damit verbunden ist auch der Gedanke der Freiheit und Gleichheit aller Menschen. Ohne ihn ist die Demokratie nicht denkbar. Es gibt keine Menschen oder Menschengruppen von unterschiedlichem Wert.

Die Würde des Menschen – für Christinnen und Christen ist sie eine Gabe Gottes, die niemandem abgesprochen werden kann. Der Mensch ist Geschöpf Gottes und Ebenbild Gottes. Die Menschenwürde ist der Maßstab, dem wir gerecht werden müssen, wenn wir unser Gemeinwesen politisch und gesellschaftlich gestalten.

Warum sollen wir uns als Christinnen und Christen überhaupt an politischen Prozessen beteiligen?

Aus Nächstenliebe und aus Verantwortung für unsere Nächsten – weil uns das Wohlergehen unserer Mitmenschen, das Zusammenleben wichtig ist. „Politisch aktiv zu sein, beschränkt sich (…) nicht auf das Wählen alle vier Jahre.“[3] Politik meint alles, was das Gemeinwesen betrifft, was über das Private hinausgeht. Das Mitarbeiten bei der Tafel, das Engagement in Vereinen und Gremien. Hier beginnt Politik, bei den „Graswurzeln“.[4] Politisches Handeln muss nicht unbedingt aus Worten bestehen. Auch das ganz konkrete Handeln, das sich Einsetzen für die Anderen und den Anderen ist politisch.

Wenn wir uns um das Wohl unserer Nächsten kümmern, dann kann es zu schwierigen Situationen kommen, in denen wir besonders gefordert sind. Das Kirchenasyl ist so ein Fall.

Auch unsere Gottesdienste haben einen politischen Charakter. Sie sind öffentlich. Wir stehen vor Gott mit unserem Leben, mit unserem Zusammenleben. Sie sind nicht parteipolitisch und dürfen es nicht sein. Aber es geht hier um den ganzen Menschen, um wichtige Lebensthemen: Wie wollen wir leben als Gesellschaft in unserer Vielfalt, als Christinnen und Christen? Das sind nicht nur private Themen, das sind politische Themen, die uns alle angehen. Der Glaube und das Politische gehören oft, wenn auch nicht immer, zusammen. Für mich wird das besonders in den Fürbitten im Gottesdienst deutlich.

In diesem Rahmen ist für mich auch eine kritische Distanz zum Staat wichtig. Wir sollten, wir müssen uns dieser kritischen Distanz, besonders auch in der Verantwortung vor unserer Geschichte, bewusst sein.

Der Staat hat keine letzte, absolute Autorität über Menschen. Letzten, unbedingten Gehorsam schuldet der Christ allein Gott: »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen« heißt es in der Apostelgeschichte (Apg. 5,29).

Es ist gut, dass es in einer Demokratie Kontrollgremien gibt, eine freie Presse, eine Gewaltenteilung. Menschen machen Fehler, große Fehler und sind verführbar. Sie lassen sich verleiten zu Entscheidungen, die anderen schaden. Wir wissen alle, wozu Menschen fähig sind. Wir sind nicht in der Lage, das Gute letztgültig zu erkennen. Wir sind nicht Gott.

Ich glaube, wichtig für eine Demokratie ist die Möglichkeit, teilzuhaben und teilzunehmen. Am Arbeitsleben, an Kultur. Viele Menschen fühlen sich abgehängt, verunsichert, haben Angst vor Abstieg und ziehen sich zurück. Andere sind von ihrer Arbeit her so belastet, dass sie sich nicht mehr ehrenamtlich engagieren können. Aber jede und jeder ist wichtig. Alle verfügen unabhängig vom materiellen Vermögen über Gaben, die für unser Gemeinwesen wertvoll sind. Dies muss für alle Menschen erfahrbar sein.[5] Jesus hat dieses Teilen vorgelebt.

Theologie, das ist auch die Kunst der Unterscheidung und hier können wir als Kirche einiges beitragen. Es geht zum Beispiel um die Unterscheidung, dass es  im Politischen um die Gestaltung der „vorletzten Dinge“ geht, – nicht um Heilsversprechen und nicht um die Inanspruchnahme des ganzen Menschen. Denn dann wird ein Staat totalitär. Auch wenn unser Glaube politisch ist, weil wir für unsere Nächsten Verantwortung übernehmen, unterscheiden wir Kirche und Staat. Die Demokratie beruft sich nicht auf ein religiöses Bekenntnis.

Ich glaube aber, dass wir als Christinnen und Christen wichtige Impulse in unsere Gesellschaft hineingeben können, die wir aus der Bibel erhalten: Gerechtigkeit, der Schutz von Bedürftigen, Nächstenliebe, Frieden, der Umgang mit unserer Umwelt, der „Schöpfung“. Ich glaube, das sind wichtige Beiträge für die gesellschaftliche und politische Diskussion.

Die Kirchen bieten diese Räume der Diskussion, in den Gemeinden, in Stadtakademien, in Bildungswerken, in Akademien. Wir sollten sie aktiv nutzen und gestalten. Wir sind Christinnen und Christen, wir sind Kirche: hier im Stadtteil und darüber hinaus – nicht nur im Privaten.“

 

[1] Vgl. Anselm, Reiner: Produktives Spannungsverhältnis, in: Reformation.Macht.Politik. Das Magazin zum Themenjahr 2014 „Reformation und Politik“, Hannover 2014, S. 8.

[2] Anselm, Reiner: Produktives Spannungsverhältnis, in: Reformation.Macht.Politik. Das Magazin zum Themenjahr 2014 „Reformation und Politik“ Hannover 2014, S. 8.

[3] Benedict, Hans-Jürgen: Politische Predigt als Kommunikation des Evangeliums, S. 11, in: Predigtstudien 2016/2017, Freiburg/Brsg. 2016.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Gerechte Teilhabe. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Armut in Deutschland, Gütersloh 2006, S. 86.

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