„Demokratie ist eine Haltung“

Gelassen und entspannt kommt der Autor, Journalist und Philosoph Jürgen Wiebicke daher. So gelassen und entspannt, dass er sogar (dann doch etwas verlegen grinsend) Fred Hänel, den Leiter der Stadtbibliothek Berg am Laim, um sein eigenes Buch „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“ bitten muss. Er hatte es – „Das ist mir auch noch nie passiert!“ – bei sich daheim in Köln liegen lassen. Aber für eine Lesung aus eben diesem Buch braucht man es halt doch.

Ja, Jürgen Wiebicke vermittelt bei seinem Auftritt Anfang Dezember in Berg am Laim vor allem eins: wohltuende Gelassenheit. Er schafft so einen Kontrast zur öffentlichen Debatte um Politik, die sich in den letzten Monaten manchmal in eine Spirale der Hysterie hineingesteigert hat. Das heißt aber nicht, dass dem Besucher aus Köln die politische Entwicklung egal wäre – Gelassenheit ist nicht gleich Wurstigkeit. Im Gegenteil: seine Begeisterung für Demokratie ist Wiebicke zu jeder Zeit anzumerken. Aber das heißt für ihn eben nicht, angesichts aktuell nicht immer optimistisch stimmender Entwicklungen in Schimpf-, Abgesangs- oder Verzweiflungstiraden ausbrechen zu müssen. Wiebicke wählt einen anderen Weg: er stellt seine grundsätzlichen Ideen für eine demokratische Kultur zur Diskussion. Eine dieser Ideen lautet, na klar: „Verbinde Gelassenheit mit Leidenschaft.“

In dem Ausschnitt aus seinem Buch, den Wiebicke dann vorträgt, steht eine seiner zentralen Thesen im Vordergrund. Die demokratische Kultur der Gegenwart müsse sich in „schwachem Denken“ üben. Nanu? Sollten wir nicht mehr als je zuvor unser Hirn anstrengen, unseren Verstand gebrauchen, sollte es nicht gerade um „starkes Denken“ gehen? So dann auch gleich die etwas irritierte Nachfrage aus dem Publikum. Über die genaue Bezeichnung einer solchen Denkungsart lässt sich sicherlich streiten, doch was Wiebicke mit seinem Plädoyer für schwaches Denken meint, ist keinesfalls der Verzicht auf die Nutzung unseres Verstandes. Sondern vielmehr die Einsicht in dessen Fehlbarkeit, in seine Begrenztheit, in seine Abhängigkeit von unserem eigenen Standpunkt. Nur, weil unser Gegenüber einen anderen Standpunkt vertritt, ist es deshalb nicht gleich dumm, nur, weil jemand seine Meinung ändert, ist er deshalb kein Schwächling. Das Plädoyer für schwaches Denken ist ein Plädoyer gegen „Meinungsstolz“ und für geistige Offenheit, Toleranz gegenüber menschlichen Fehlern und für die gegenseitige Anerkennung in der Diskussion. Wenn wir das erreichen könnten, das wäre doch mal wirklich inspirierend! Den etwa 20 BesucherInnen jedenfalls scheint es gefallen zu haben.

 

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