Was bleibt? Die Woche für Demokratie im Maikäfertreff

Ein Gespräch mit Walburga Hopf, Leiterin des Nachbarschaftstreffs Maikäfertreff, das Gespräch führt Jenni Brichzin, Sprecherin der Initiative Berg am Laim für Demokratie, Freiheit und Europa.

Jenni Brichzin: Wally, jetzt ist die Woche für Demokratie schon wieder ein paar Tage her. Ist davon noch was zu spüren bei euch im Treff?

Walburga Hopf: Ja, das ist wirklich witzig. Seither sind die Gespräche und Diskussionen, die wir hier so die ganze Woche über haben, viel – wie kann man sagen? – aufgeweckter. Ist echt so. Auf einmal fragen die Leute nach: Da ist doch diese Wahl zu dem Kohlekraftwerk, oder da ist doch die Seniorenbeiratswahl. Das sind ja jetzt politische Entscheidungen, die gerade angestanden haben. Und auf einmal reden die Leute miteinander darüber, fragen, was sie da machen sollen, wie das eigentlich funktioniert. Das war vorher nie so, das hatten wir eigentlich nie. Also Abstimmen, politische Entscheidungen, das wird auf einmal Thema! Und dazu müssen die Leute noch nicht mal unbedingt an der Woche für Demokratie teilgenommen haben. Es reicht schon, dass das Thema überall im Maikäfertreff präsent war, dass halt klar war, wir setzen uns hier eben mit Demokratie auseinander. Und dann ist das auf einmal in den Köpfen der Menschen.

JB: Das hört sich doch eigentlich nach einem guten Ergebnis an! Aber lass uns mal einen genaueren Blick auf die Woche werfen, du hast da ja echt viele spannende Aktionen auf die Beine gestellt. Ein totaler Kraftakt, noch neben dem regulären Programm im Treff! Magst du vielleicht kurz die einzelnen Veranstaltungen ein bisschen rekapitulieren? Angefangen hat es ja am Dienstag mit dem Vortrag von Dr. Markus Fath zur Entstehung von Feindbildern.

WH: Ja, ich fand, das war ein wirklich guter Vortrag, hat viel zum Nachdenken angeregt. Da ging es um typische psychologische Muster, die wir alle auch zeigen. Also zu welchen falschen Schlüssen wir im Alltag so neigen. Da gab es denke ich schon den einen oder anderen Aha-Moment.

JB: Genau das fand‘ ich auch spannend. Ich erinnere mich noch an den „doppelten Standard“: wenn einem Menschen sympathisch sind, tendiert man dazu, ihr Verhalten ganz anders zu bewerten als das gleiche Verhalten von Menschen, die einem nicht sympathisch sind. Und an die typisch menschliche Tendenz, vom einmal beobachteten Verhalten auf das ganze Wesen eines Menschen zu schließen. Kam mir vor wie Grundwissen für Demokraten.

WH: Genau. Direkt nach dem Vortrag gab’s auch viele sehr positive Stimmen. Interessant war aber, dass dann die nächsten Tage auch noch einiges an gemischten Rückmeldungen rübergekommen ist. Vor allem das mit den Flüchtlingen hätte der Dr. Fath „zu rosarot“ gesehen, das habe ich immer wieder zu hören bekommen. Aber eine Anregung zum Nachdenken war es auf jeden Fall. Und auch die kritischen Leute haben dann eigentlich schon gesagt: „Ja, stimmt, wir haben Feindbilder.“

JB: Weitergegangen ist es dann mit zwei Veranstaltungen am Mittwoch: Vormittags das Frauenfrühstück, nachmittags dann der Besuch in der Eyup Sultan Moschee.

WH: Also erstmal das Frauenfrühstück, das war super. Wir haben ja sonst hier immer das Programm „Mama lernt Deutsch“, aber für den Tag haben wir uns gedacht: machen wir daraus eine internationale Aktion, mit deutschen und nichtdeutschen Frauen. Und es sind dann Frauen aus Finnland, Albanien, Somalia, Frankreich, Tunesien, Marokko, Schweiz, Deutschland gekommen… ältere und jüngere, Frauen ohne und mit Kinder, manche haben ihre Kinder sogar mitgebracht. Als kleinen Input haben wir einen kurzen Film über Frauenrechte gezeigt. Die Diskussion im Anschluss war echt total lebhaft, hat sich vor allem um Bezahlung für Frauen und Berufstätigkeit gedreht. Da gab es dann heftigste Diskussionen, auch zwischen den Generationen! Auf der einen Seite stand zum Beispiel die ältere Dame, die von ihrer Zeit als alleinerziehende, berufstätige Mutter erzählt hat. Und auf der anderen Seite die junge Mutter, die sich ganz bewusst dafür entschieden hat, daheim bei ihren Kindern zu bleiben statt arbeiten zu gehen. Und die ihr Leid geklagt hat, wie anstrengend es ist, sich immer dafür rechtfertigen zu müssen, dass sie eben gerne bei ihren Kindern ist. Oder dann gab es da auch die Frauen, die meinten, sie hätten einfach berufsmäßig den Anschluss verloren. Und so weiter! War super.

JB: Und gab es am Ende auch sowas wie ein Ergebnis von der Diskussion?

WH: Würde ich schon sagen. Ich würde sagen, am Ende ist rausgekommen, dass sich Frauen auch untereinander das Recht zugestehen müssen, ihr eigenes Leben so zu gestalten, wie sie das wollen. Weil es eben ihr Leben ist. Frauen müssen sich da gegenseitig unterstützen und sich gegenseitig akzeptieren, dieses Verständnis ist rausgekommen. Und auch, dass man selbst aktiv werden muss, wenn man will, dass was passiert. Dass man nicht erwarten kann, dass andere immer für einen aktiv sind. Das auch. Wir überlegen jetzt, ob wir die Veranstaltung nicht in ähnlicher Form wiederholen. Nicht jede Woche, aber vielleicht alle zwei Monate.

JB: Und nachmittags wart ihr dann bei der Eyup Sultan Moschee, sozusagen der Moschee in der Berg am Laimer Nachbarschaft. Wie viele Leute waren da ungefähr dabei?

WH: Schon einige, so um die 30 Leute würde ich sagen. Eigentlich waren alle Veranstaltungen ähnlich gut besucht – so zwischen 20 und 35 Leuten waren überall dabei. Was ich sehr witzig fand war, dass bei diesem Besuch auch vier Schwestern aus dem christlichen Konvent in der Nähe dabei waren. Die hab‘ ich gefragt, warum sie da sind, und die haben gemeint: „Das hat uns schon immer interessiert – super, dass wir da jetzt mitgehen können.“ Überhaupt ist es interessant: Die Moschee hat ja jedes Jahr einen Tag der offenen Tür. Aber ich habe das Gefühl, da trauen sich dann viele doch nicht hin, quasi so auf eigene Faust. Aber wir zusammen, als kleine interessiert Gruppe, da ist die Schwelle dann viel niedriger, die Berührungsängste sind nicht so groß. In der Moschee hat uns dann Herr Peh Levan empfangen, und wir haben einfach viel gehört darüber, wie eigentlich so eine Moschee funktioniert, welchen Rhythmus es da gibt, wie man sich benimmt und so weiter. Da bekommt man schon einen guten Einblick. Und außerdem ist es halt einfach die Moschee in der Nachbarschaft. Und mit der Nachbarschaft sollte man sich auseinandersetzen denke ich, und sich auch ein bisschen drauf einlassen.

JB: Damit kommen wir zum Donnerstag. Da gab es eine Diskussionsrunde zum Thema „Demokratie, das sind wir alle!“ Die ist mir noch gut in Erinnerung, da habe ich ja selbst moderiert – nämlich die Diskussion zwischen Jörg Siegmund von der Akademie für politische Bildung Tutzing, Stefan Bauer vom Verein Mehr Demokratie und Hubert Kragler, stellvertretender Vorsitzender des Bezirksausschuss 14. Leitfrage war so ein bisschen, ob es immer „die da oben“ sind, wenn was schiefläuft, oder ob und wie man selbst auch Einfluss nehmen kann. Was ist dir davon im Kopf geblieben?

WH: Also, zuerst mal fand ich es gut, dass uns der Jörg Siegmund vorneweg in 20 Minuten ein paar statistische Daten präsentiert hat – wie hoch ist die Wahlbeteiligung, wer geht eigentlich wählen, wie ist zum Beispiel der Frauenanteil in den Parteien. Das ist einfach schon interessant und gut zu wissen. In der Diskussion ging es dann ja viel darum, wie wichtig für die politische Beteiligung Verfahren sind, und welche unterschiedlichen Verfahren zur Beteiligung es überhaupt gibt. Das war vielen gar nicht so bewusst, wie wichtig das ist. Viele haben zum Beispiel hinterher gesagt, dass sie bisher eigentlich Angst hatten, irgendwo zu unterschreiben – was dann mit ihrer Adresse und der Unterschrift passiert. Aber denen ist dann schon klar geworden: das brauchen die ja, die Unterschriften, sonst geht nix voran. Irgendwie muss man sich halt zusammenschließen, sonst wird das auch mit dem Mitmischen im politischen Prozess nichts.

JB: Dann gab es noch die Graffitiaktion am Freitag, für die du die Unterstützung der Pastinaken organisiert hast. Wie war das?

WH: Tja, das ist die einzige Aktion, die einfach danebengegangen ist. Da waren zu wenig Jugendliche da. Am Tag vorher hat mir noch eine ganze Gruppe gesagt, dass sie alle kommen. Sind sie aber nicht. Wenn ich die das nächste Mal sehe muss ich die schon fragen, wo sie denn dann eigentlich waren… Ist halt schade, die Pastinaken sind ja super. Das mit der Jugend hat also in der Woche für Demokratie nicht so gut geklappt – wegen dem Wetter haben wir auch das Fußballturnier abgesagt. Das fanden einige richtig schade, aber das holen wir im Frühjahr nach, haben wir schon gesagt. Aber immerhin: bei der Graffitiaktion haben sie ein Bild gesprüht, das steht jetzt hier bei uns im Treff. Und die Leute, die herkommen, fragen immer: „Wo habt ihr denn das Bild her? Das ist ja super!“ Ich überlege gerade, ob wir da nicht einfach noch „Demokratie“ mit draufschreiben. Dann weiß man gleich, wie es entstanden ist. Und hat gleichzeitig immer, wenn man reinkommt, die Demokratie vor Augen.

JB: Und der internationale Abend am Samstag, wie war der? Sozusagen der krönende Abschluss?

WH: Der war jetzt wieder richtig toll. Sowas von ausgelassen, das glaubt man gar nicht! Da waren auch mindestens 30 Leute, von Kindern bis zur 94jährigen war alles dabei. Ein Pärchen ist da zum Beispiel gekommen, die sind vom Trachtenverein Bayrischzeller. Ganz in Tracht waren die, haben uns zwei bayrische Tänze beigebracht – die hätten uns glatt den ganzen Abend geschmissen! Aber das ist dann schon super: Da tanzen die türkischen Frauen die bayrischen Traditionstänze und das hat denen wirklich gut gefallen! Aber wir haben auch noch türkische Tänze gelernt, Tänze vom Balkan… Essen gab es auch, für Pizza hatten wir noch Gutscheine, und Nachspeisen haben die Leute selbst mitgebracht. Gehört ja auch zu einem Fest. Alles war da, Spaß hat es gemacht, und die Stimmung war einfach total ausgelassen. Ich fand das sehr schön, das war einfach ein lockeres, selbstverständliches Miteinander, von Menschen mit ganz unterschiedlicher Geschichte. Das müssen wir wirklich öfter machen, das ist absolut ausbaufähig.

JB: Hört sich so an! Damit sind wir jetzt einmal die Woche für Demokratie durchgegangen – was ist denn eigentlich dein Fazit für die Sache? Hat sich das gelohnt, was würdest du sagen?

WH: Ja, auf alle Fälle! Auf alle Fälle. Wir haben hier jetzt ganz neue Themen, reden über politische Sachen, was wir bisher einfach gar nicht so hatten. Ich glaube, den Leuten ist auch viel bewusster, dass sie sich selbst einmischen müssen – sonst passiert halt nix. Diese Verantwortung, das ist jetzt glaube ich schon mehr in den Köpfen drin. Aber auch für mich selbst hat sich das total gelohnt, weil ich mich dadurch einfach stark mit all diesen Sachen auseinandergesetzt habe. Manchmal braucht man dafür einen Anlass, und das war eben die Woche für Demokratie.

Ein Gedanke zu „Was bleibt? Die Woche für Demokratie im Maikäfertreff

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.