Eine persönliche Nachlese zum Fest

geschrieben von Jenni Brichzin, Organisatorin des Fests und Sprecherin der Initiative

„Ich könnte jetzt schreiben: meine Güte, was war das für eine phänomenal einzigartige Veranstaltung, unser Fest für Demokratie! Am vorvergangenen Samstag, den 8. Juli. Alles super super, alles tipi topi, was für ’ne tolle Sache. So macht man das doch, im Facebook-Stil der Selbstvermarktung – noch paar tolle Bilder dazu (die gibt’s natürlich trotzdem, nämlich hier 🙂 ), und schon ist das Image perfekt. Aber eigentlich möchte ich viel lieber mein Herz ausschütten. Denn: im Grunde bin ich echt enttäuscht.

Enttäuschung gehört dazu, wenn man was Neues ausprobiert, das weiß ich schon. ‚Wissen‘ hilft aber nicht, meinen Gefühlen ist das egal, die kriechen haarscharf am Hirn vorbei durch die Lunge und ins Herz. (Das ist zwar anatomischer Blödsinn, aber subjektiv schon ziemlich wahr.) Und auch das Bewusstsein hilft nicht, dass es all den tollen Initiativen, Ideen, Netzwerken, Aktionen, die gerade entstehen, wahrscheinlich immer wieder ähnlich geht, auch wenn man nicht unbedingt davon erfährt. Denn meine Enttäuschung hat, das habe ich ja noch gar nicht gesagt, einen Haupt- und einen Nebengrund. Nebengrund: es hat zu früh geregnet, so dass wir schöne Aktionen nicht zuendebringen konnten. Hauptgrund: es waren halt einfach zu wenig Leute da. Zu wenig Aufmerksamkeit.

Zu wenig Aufmerksamkeit für eine im Grunde ziemlich gute Veranstaltung, gerade in unserem Stadtteil. Für diejenigen Aktionen beim Fest, die – das ist ja unabhängig vom Publikum – eben doch großartig waren. Anders würde es mir wohl gehen, wären die Aktionen einfach doof, blöd und langweilig gewesen. Dann hätte man ja drei Kreuze schlagen können: puh, zum Glück haben das nicht soo Viele mitbekommen… So aber sieht es anders aus: die hätten halt einfach alle eine viel größere Aufmerksamkeit verdient. Das gilt ganz gleichermaßen für die wunderbare und vielgelobte Musik von „Radio Europa“, das riesige Engagement von Winfried und seiner tapferen Zehn im Einsatz für die Demokrati(e)sche, die übersprudelnde demokratische Kreativität an Toms Demokratiewäscheleine, die Podiumsmenschen unter Gleichen Margarete Bause/Manfred Krönauer/Dr. Wolfgang Stefinger/Claudia Tausend/Brigitte Wolf, die souverän-kompetent-herzliche Moderatorin Claudia Decker, Tobias-den-tollen-Tontechniker, Wally & Barbara & Co. an den Getränken, den Kinderspielaktionen und all ihren BetreuerInnen – und überhaupt. DANKE! möchte man ihnen nochmal quer übers Internet zurufen. Danke, dass ihr Menschen dazu inspiriert, sich mit Demokratie auseinanderzusetzen. Und das in einem Stadtteil, der – gemessen an Beteiligungsindikatoren wie etwa der Wahlbeteiligung – nicht ganz einfach ist. Oder sagen wir so: eben Entwicklungspotential hat. Deshalb ist die Initiative genau hier so wichtig.

Was macht man jetzt mit so einer Enttäuschung? Vertreiben ist gar nicht so einfach, dazu habe ich mir die viele Arbeit für’s Fest zu mühsam aus den Berufs- und Familienrippen schneiden müssen. Finanzierung klären, Band finden, Orga-Treffen machen, Unterstützer finden, Diskutanten suchen, Finanzierung klären, um Pressekommunikation kümmern, Werbemittel hinbekommen, Finanzierung klären, Nachhaken, Zelt beschaffen, Bühne beschaffen, Bierbänke beschaffen, Nachhaken, Veranstaltung auf öffentlichem Grund beantragen, Finanzierung klären, Nachhaken, um Kinderprogramm bemühen, mit der Band nachverhandeln, Finanzierung klären, Strom muss her, Tontechniker engagieren, Moderatorin engagieren, Nachhaken, Nachhaken, Nachhaken, um Verpflegung kümmern, Werbemittel drucken, Werbung organisieren, bei Gema Veranstaltung anmelden, Toiletten braucht’s auch, Aufbau und Abbau klären, um Helfer bemühen, Pressemitteilung schreiben, Abrechnung machen, um Finanzierung bangen. Das ist der Takt, in dem ich mich drei Monate lang bewegt habe.

Was nicht hilft: dass von der Presse niemand da war. Das kann überhaupt nicht als Vorwurf gemeint sein – aus demokratischer Perspektive liegt die Kunst ja darin, die eigene Sache wichtig zu nehmen ohne von anderen zu erwarten, dass auch ihr Herz genau dafür brennt. Waren halt einfach andere Dinge wichtiger als das Fest für Demokratie im kleinen, nicht gerade durch seine Hipness bekannten Stadtteil Berg am Laim, und in München gibt’s halt wahnsinnig viel Anderes, und noch dazu wahnsinnig viel sehr tolles Anderes. Und es ist Juli, tendenziell (vor allem bei Eltern) auch bekannt als Festüberflutungsdimension, getarnt als Sommermonat. Persönlich ist dieses „etwas anderes war wichtiger“ trotzdem bitter. Weil: wenn es schon der Veranstaltung selbst nicht optimal gelingt, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, dann doch vielleicht wenigstens der Zeitungsbericht darüber. Wenn auch das nicht klappt, dann ist es ziemlich schnell so, als wäre (fast) nichts gewesen. Keine Aufmerksamkeit für’s Fest –> keine Aufmerksamkeit für die Initiative –> Chancen auf Erreichen der Ziele sinken. Und die Ziele sind doch objektiv (das sage ich jetzt mal ganz subjektiv) super: es geht um die Stärkung demokratischer Kultur vor Ort – dort wo die Menschen leben, dort, wo sie alltäglich miteinander umgehen. Immerhin versteht man in so einem Moment dann wieder Politik etwas besser: auch in diesem Metier, wo es darum geht, Gruppen hinter die eigene Sache zu scharen, ist Publizität an sich bereits eine Leistung – denn es gibt einfach Aufmerksamkeitskonkurrenz in einem Ausmaß, dass viel dazu gehört, das Grundrauschen der Anderen zu übertönen. Ach ja, und was noch dazu kommt: muss ich den Bericht halt selbst schreiben. Wieder zwei Stunden weg. (Im Nachhinein erweist sich auch das als relativ müßig: tatsächlich hat niemand den Bericht über das Fest abgedruckt.)

Wenn man Veranstaltungen plant, bewegt man sich im Imaginären. Man muss etwas Gestalt verleihen, was noch gar nicht da ist. Das fühlt sich dann manchmal sehr komisch an, ein bisschen wie eine Voodoo-Beschwörung: man hofft halt, dass passiert, was man sich so vorstellt. Da braucht es schon ganz schön viel Vertrauen, und man braucht Leute, auf die man sich verlassen kann, die gute und bewährte IdeenmaterialisiererInnen sind – und davon waren einige dabei! Auch hierin ist die Nähe zum Politischen unverkennbar, auch Politik hantiert mit imaginierten Zukünften. Psychisch kann das aber eine ziemliche Berg- und Talfahrt sein – das sind dann so Momente, da bin ich froh, eigentlich Soziologin zu sein. Da ist man es gewöhnt, Abstand zu nehmen von dem was gerade unmittelbar vor sich geht, man ist es gewöhnt, sich selbst im Prozess (möglichst) neutral zu beobachten. Und genau das ist ja irgendwie auch ziemlich interessant: Wie man auf Dinge reagiert – Armin Nassehi (auch Soziologe, aber in bekannt) hat gerade irgendwo einen Kommentar über einen Pawlow’schen Hund geschrieben („Wuff“), und so habe ich mich in letzter Zeit auch oft gefühlt: war der Reiz positives Feedback und Begeisterung für die Sache, die auch mich begeistert, dann war meine Reaktion innere Ruhe und Sicherheit. Kam als Reiz von Anderen Zweifel und Vorbehalt, war meine Reaktion (zumindest innerlich 🙂 ) Schwanken. Zum Glück ist man ja als Mensch kein Pawlow’scher Hund und kann mit etwas Selbsterfahrung konstruktiv mit der eigenen Reaktion rechnen. Solange man sich aber im Imaginären bewegt, lässt sie sich kaum verhindern. Es braucht deshalb: Mut – den Mut nämlich zu riskieren, dass die Dinge nicht so werden, wie man sie imaginiert hat. Das gilt sicher auch für Politik.

Bleibt die Frage: hätte man etwas ändern können? Das mit dem Regen jetzt eher nicht, aber wie steht es mit dem anderen, den fehlenden Besuchermassen? Dazu kommt mir eine etwas absurde Episode immer wieder in den Sinn: kommt gegen Ende des Fests eine Frau fast schon auf mich zugestürmt, ein empörter Ausdruck steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sinngemäß meint sie, da müsse sie sich schon mal beschweren: jetzt habe man da so tolle Musik und ein so hochkarätig besetztes Podium – und dann seien da nicht alle Tische voll besetzt. Warum man denn keine Werbung gemacht habe, weil sie sei ja nur zufällig vorbeigekommen?! Haben wir natürlich. Aber das Interessante daran ist, inhaltlich stimme ich der Dame ja voll zu: ich fand es genauso schade, dass die Qualität der Aktionen nicht mit entsprechenden Besuchszahlen belohnt wurde. Und auch ich frage mich, ob und wie man noch mehr hätte machen sollen, vor allem: wie kann es gelingen, eine Anfangsbegeisterung für eine Sache – zum Beispiel eine Initiative für Demokratie, Freiheit und Europa – in Dauerengagement bei den Interessierten zu verwandeln? Dass sie eine Sache so weit zu ihrer eigenen machen, dass sie auch Verantwortung für ihr Gelingen übernehmen? Auch das ist ja ein Dauerproblem von Demokratie und Politik überhaupt. Weil natürlich hätte man noch viel mehr machen können, aber dazu braucht es dann halt (abgesehen von den eigenen Unzulänglichkeiten, klar) auch noch viel mehr Leute, die mitmachen. Da kann man sicherlich mehr motivieren, Dringlichkeit verbreiten, Netzwerke in Anspruch nehmen, als ich und wir das getan haben (und andere Leute zu Dingen bringen, die sie nicht von sich aus machen würden, ist nicht gerade meine Stärke). Aber um nochmals auf die Dame zurückzukommen: ein bisschen schwierig finde ich die Art und Weise, wie sie ihr Anliegen artikuliert hat. Anstatt einfach mal zu fragen „Hey, warum sind da nur relativ wenig Leute? Wie habt ihr denn Werbung gemacht? Was könnte man vielleicht besser machen?“ steht ihre Meinung schon vorher fest, gibt sie sich der süßen Versuchung unvermittelter Empörung hin. Wenn eine Episode des Fests für mich symptomatisch ist für den gegenwärtigen Zustand unserer demokratischen Kultur, dann diese: vielleicht sind wir uns unseres eigenen Standpunkts manchmal zu sicher, vielleicht begreifen wir den Appell zum ’sich Einmischen‘ zu häufig als Aufruf zur Empörung. (Es gibt noch eine zweite solche Episode, aber die behalte ich an dieser Stelle für mich.) Aber gleichzeitig macht auch genau diese Episode wieder Mut: hinterher hat die Dame noch beim Aufräumen mitgeholfen. Und das ist doch wirklich toll.

Und wie jetzt weiter? Uns steht immer noch ein ganzes Jahr voll mit echt tollen Aktionen bevor – ich habe etwas Kraft gebraucht, mich wieder neu zu motivieren. Aber schon jetzt gibt es etwas, das gegen meine Enttäuschung wirkt: die Erinnerung an die vielen kleinen schönen Momente – manchmal muss es ja gar nicht der große Knall sein. Der spontane Wunsch, in Tanzen auszubrechen als die Musik einsetzt und ihre glückliche Stimmung verbreitet. Die Freude darüber, dass vieles einfach funktioniert, obwohl ich mich gar nicht darum kümmern kann (was habe ich eigentlich während des Fests gemacht? Ich weiß  noch, dass ich nur während der Podiumsdiskussion mal dagesessen bin und drei Stücke Pizza gegessen hab‘ (siehe Bild, Mitte) – und sonst?!), die vielen positiven Rückmeldungen, die Wiederholungsappelle. Aber vor allem: die vielen kleinen Gespräche hinterher – mit Besuchern, mit dem Tontechniker, mit den Musikern, mit meinem Schwager, sogar mit meiner neunjährigen („fast zehn!“) Tochter – darüber, was bei uns politisch, demokratisch und überhaupt gerade los ist und in welche Richtung es gehen soll. Anlass dafür war das Fest. Und genau so war es gedacht.“

Foto © Tom Garrecht

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